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    Prypjat: Tourismus in der Geisterstadt

    Eine dystopischen Zukunft, in der weite Teile der Welt zerstört und nur noch wenige Menschen am Leben sind, ist ein gern genommener Bestandteil moderner Literatur. Viele Autoren und Regisseure haben sich bereits mit so einem Szenario auseinander gesetzt und ĂŒberlegt, wie die Welt nach den Menschen wohl aussehen wĂŒrde. Eine Antwort auf diese hypothetische Frage bietet die ganz reale Stadt Prypjat inmitten der Sperrzone rund um das Atomkraftwerk Tschernobyl.

    Als die Menschen Prypjat verließen, durften sie ausschließlich das Nötigste mitnehmen und wurden in dem Glauben gelassen, dass die Evakuierung nur fĂŒr ein paar Tage sei. Dadurch mussten sie alles zurĂŒcklassen weswegen in Prypjat die Zeit stehen geblieben ist, was den Ort von anderen GeisterstĂ€dten unterscheidet. Die meisten von ihnen wurden aus wirtschaftlichen GrĂŒnden von ihren Bewohnern binnen Monaten oder Jahren verlassen, weswegen oft nur leerstehende HĂ€user zu finden sind, die nur erahnen lassen, dass hier einmal Menschen gelebt haben. In Prypjat sind die Spuren der Einwohner noch gut zu sehen, obwohl die Stadt seit ĂŒber 30 Jahren sich selbst ĂŒberlassen ist. Das macht sie laut dem US-amerikanischen Forbes Magazine zu einem der weltweit einzigartigsten Orte fĂŒr einen Besuch und lockte bereits 2009 fast 7.500 Touristen an, die sich von der vermutlich berĂŒhmtesten Geisterstadt selbst ein Bild machen wollten. Die radioaktive Strahlung ist zwar nach wie vor dort und macht den Ort auf unbestimmte Zeit unbewohnbar, doch sind kurze Aufenthalt laut Experten unbedenklich. Der Besuch von Prypjat ist heute in vorher gebuchten Touren möglich und wird von verschiedenen Veranstaltern angeboten. Start ist in Kiew wo es mit dem Bus in Richtung Norden zum Eingang der Sperrzone geht, die nur passieren darf, wer vorher angemeldet wurde und sich ausweisen kann.

    1986 ZurĂŒckgelassene BĂŒcher

    GegrĂŒndet wurde Prypjat im Februar 1970, einen Monat bevor der Bau des nahgelegenen Atomkraftwerks Tschernobyl begann. Die Siedlung diente den Arbeitern und ihren Familien als Wohnort und wuchs mit dem Kernkraftwerk, welches 1978 in Betrieb genommen wurde. Zum Zeitpunkt der Nuklearkatastrophe im April 1986 lebten etwa 50.000 Menschen in Prypjat, mit dem Ausbau des Atomkraftwerks sollten es noch mal mal 30.000 mehr werden. WĂ€hrend seiner kurzen Existenz war Prypjat eine recht wohlhabende und junge Stadt mit einem Altersdurchschnitt von 26 Jahren. Die meisten Bewohner waren im Kraftwerk oder in der örtlichen Fabrik tĂ€tig, die aufgrund der hohen Anzahl gut gebildeter Arbeiter in Prypjat gebaut wurde. Das Stadtbild war vom Sozialismus geprĂ€gt und wies neben Plattenbauten auch viele GrĂŒnflĂ€chen mit SpielplĂ€tzen auf und hatte eine, fĂŒr die Sowjetunion typische, breite Hauptstraße fĂŒr Paraden. Innerhalb des Landes galt Prypjat aufgrund seines jungen Alters und dem blinden Vertrauen in Atomenergie als Stadt der Zukunft, doch nach nur 16 Jahren wurde sie zum nuklearen Albtraum und lĂ€utete den Anfang vom Ende der Sowjetunion ein. 

    Verlassene WohnhÀuser in Prypjat

    Der Untergang von Prypjat begann in den frĂŒhen Morgenstunden des 26. April 1986 als ein Test im Atomkraftwerk Tschernobyl schief ging. Es kam zu einer Explosion in Reaktor 4 in dessen Folge große Mengen RadioaktivitĂ€t in die Umwelt freigesetzt wurden. Obwohl das Ausmaß der Zerstörung immens war, beharrte die Leitung des Kraftwerks darauf, dass der betreffende Reaktor ganz geblieben war und nur KĂŒhlung brauchte. Am Nachmittag flogen die ersten Fotographen mit Hubschraubern ĂŒber den Unfallort um die SchĂ€den zu dokumentieren, doch aufgrund der hohen Strahlung versagten ihre Kameras oder die Bilder wurden durch die Strahlenbelastung geschwĂ€rzt. Da sich genaue Informationen ĂŒber die Ereignisse nur schleppend verbreiteten wurde die Evakuierung von Prypjat erst 36 Stunden nach der Katastrophe eingeleitet, was die Bewohner einer hohen Strahlung aussetzte und SpĂ€tfolgen mit sich brachte. In einer kurzen Radionachricht wurden alle aufgefordert sich auf eine dreitĂ€gige Abwesenheit vorzubereiten und am Nachmittag in einem der bereitgestellten Bussen die Stadt zu verlassen. Prypjat wurde als Folge des Unfalls mehrfach kontaminiert, wobei die stĂ€rkste Verseuchung dank gĂŒnstiger Winde erst stattfand, nachdem die Bewohner gegangen waren. Nach der Katastrophe wurde eine Sperrzone errichtet und begonnen Prypjat zu dekontaminieren. Teile der Stadt wurden noch bis in die 1990er von Mitarbeitern des Atomkraftwerks, das bis 2000 noch in Betrieb war, genutzt. Auch heute noch sind Menschen in dem Gebiet tĂ€tig, vor allem um Reaktor 4 und seinen 2019 in Betrieb genommenen Sarkophag zu warten. 

    Der Ortseingang von Prypjat liegt im SĂŒden direkt neben dem Atomkraftwerk und ist durch eine Statue, die den Stadtnamen in kyrillischer Schrift darstellt unter dem das Jahr der GrĂŒndung geschrieben ist, markiert. Von ihm gehen zwei Straßen ab von denen eine zum ehemaligen Schrottplatz fĂŒhrt auf dem die Fahrzeuge, die bei den AufrĂ€umarbeiten in Tschernobyl genutzt wurden, untergebracht sind. Heute rotten sie vor sich hin und wurden teilweise von PlĂŒndern ausgeschlachtet.

    Der Ortseingang von Prypjat

    Die andere Straße, die Leninallee, fĂŒhrt zum zentralen Platz von Prypjat der frĂŒher mit Blumenbeten dekoriert war, heute aber ehr an einen Wald erinnert. Hier steht das Hotel Polissya, welches direkt nach der Katastrophe von den Liquidatoren, den Arbeitern am Atomkraftwerk, als Hauptquartier genutzt wurde, nun aber leer steht. Benannt wurde es nach der historischen Region Polesien, das heutige Grenzgebiet zwischen der Ukraine und Belarus in dem sich Prypjat befindet. Besonders auffĂ€llig an dem Hotel ist sein schrĂ€ges Dach, auf dem ein CafĂ© geplant war, das jedoch nie eröffnet wurde. Der Kulturpalast Energetik direkt daneben bot den Bewohnern einst viele Freizeitmöglichkeiten an, wie eine Konzerthalle, eine BĂŒcherei und ein Sportzentrum mit Boxring und Schwimmbad. Sein Name ist dabei ein Wortspiel, da es sowohl „energiegeladen“ bedeutet als auch die Bezeichnung fĂŒr Arbeiter in einem Atomkraftwerk ist. Heute sind von den glĂŒcklichen Zeiten des GebĂ€udes nur noch Spuren zu sehen, wie bunt bemalte WĂ€nde an denen der Putz langsam abbröckelt, Fußballtore ohne Netz, kaputte SportgerĂ€te und ein Schild mit den Poolregeln. Im SĂŒdwesten des Platzes befinden sich ein Restaurant und ein Supermark in dem auch westliche Wahren, die es sonst nur in Moskau gab, wie Chanel Nummer 1, gekauft werden konnten.

    Das Hotel „Polissya“ im Stadtzentrum

    Hinter dem Stadtzentrum liegt der Freizeitpark, den inzwischen mehr Touristen besucht haben als Bewohner von Prypjat. Die FahrgeschĂ€fte wurden 1986 gebaut und sollten im Zuge der Feierlichkeiten um den 1. Mai eröffnet werde, wozu es jedoch nie kam. Bevor die Stadt am Nachmittag des 27. April evakuiert wurde, waren die Karussells fĂŒr ein paar Stunden in Betrieb, ehe man sie sich selbst ĂŒberließ. Hauptattraktion des Parks ist, damals wie heute, das 26 Meter hohe Riesenrad mit seinen gelben Gondeln, das zum Symbol der Katastrophe wurde. Daneben steht ein Karussell, von dem nicht mehr als das GerĂŒst und die Sitze ĂŒbrig sind, die frĂŒher einmal bunt gewesen waren. Heute sind sie, wie fast alles auf dem Platz, vom Rost eingenommen und rotten vor sich hin. Bei gĂŒnstigem Wind kann es sogar vorkommen, dass sich das Karussell bewegt. Die kleinen Schiffschaukeln sind inzwischen kaum noch als solche zu erkennen; die gelben Boote liegen unter dem Gestell und lassen ihre frĂŒhere Erscheinung nur erahnen. Noch verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig gut erhalten sind die Autoscooter, auch wenn ihre Arena von Pflanzen ĂŒberwuchert ist und ihr Dach nur noch aus einem GerĂŒst besteht. Da auf dem Platz wĂ€hrend der AufrĂ€umarbeiten kontaminierte GerĂ€te gelagert wurden, ist die Strahlung an einigen Stellen besonders hoch.

    Das kaum genutzte Riesenrad im Freizeitpark von Prypjat

    Hinter dem Park liegt das Avanhard Stadion, in dem eigentlich der Fußballverein FC Stroitel Prypjat seine Heimspiele austragen sollte. Doch da die SportstĂ€tte erst 1986 fertiggestellt wurde, kam es nie dazu. Heute ist nur noch die steinerne TribĂŒne da, von der auf einen Wald geguckt wird, der ursprĂŒnglich mal eine RasenflĂ€che war. Wenn man das heutige Prypjat mit Bildern von frĂŒher vergleicht ist es schwer vorzustellen, dass die Stadt damals noch nicht annĂ€hernd so grĂŒn war wie heute. Die Natur holt sich alles wieder zurĂŒck und so entstehen WĂ€lder wo eigentlich Wiesen waren.

    Leere TribĂŒne im Avanhard Stadion

    Eine Straße weiter in Richtung Norden befindet sich das Schwimmbad Azure, wo kaum Strahlung vorhanden ist. Nach der Katastrophe wurde es noch von Liquidatoren benutzt und erst nach einer Gesundheitsuntersuchung 1998 geschlossen. Heute ist es sehr beliebt bei Touristen, vor allem die Schwimmhalle mit ihren fĂŒnf Bahnen und den beiden SprungtĂŒrmen. Besonders beeindruckend ist die Glasfassade, die Besuchern damals wie heute einen Ausblick auf die umliegende Natur bietet. Direkt nebenan, nur durch die UmkleiderĂ€ume getrennt, befindet sich ein indoor Basketballplatz der nur noch durch die Bretter an der Wand, denen sowohl Korb als auch Netz fehlen, als solcher zu erkennen ist.

    Die Halle im Schwimmbad Azure

    Neben dem Schwimmbad befindet sich die Schule Nummer 3, die grĂ¶ĂŸte der fĂŒnf weiterbildeten Schulen in der Stadt. Sie ist grade bei Fotographen sehr beliebt da sie einen schaurigen Einblick in das Leben wĂ€hrend des Kalten Krieges bietet. Um die SchĂŒler vor einem möglichen Angriff mit ABC-Waffen zu schĂŒtzen, wurden in der Schule Gasmasken gelagert die nach der Nuklearkatastrophe von PlĂŒnderern auf der Suche nach Silber auf dem Boden der Schule verteilt wurden. Da liegen sie bis heute und brachten dem GebĂ€ude den Spitznamen „Gasmasken Schule“ ein. Auch am 26. April 1986, nur Stunden nach dem Brand in Reaktor 4, besuchten die Kinder noch den Unterricht, wurden aber frĂŒher nach Hause geschickt in dem Glauben am Montag wieder zu kommen. Daher sind hier noch deutlich die Spuren der Vergangenheit zu sehen, wie noch fast vollstĂ€ndig eingerichtete Klassenzimmer, Plakate mit sowjetischer Propaganda, SchulbĂŒcher und Bilder von der Zeit, als Prypjat noch keine Geisterstadt war. Auf der anderen Straßenseite befindet sich die nie ganz fertiggestellte Grundschule Nummer 4 sowie zwei KindergrĂ€ten, in denen immer noch zurĂŒckgelassene Spielsachen liegen.

    Ein kaputter Fernseher in der „Gasmasken Schule“

    Im SĂŒdosten der Stadt liegt das Krankenhaus, das fĂŒr 410 Patienten ausgelegt war und wo am Tag der Katastrophe die ersten Opfer, ĂŒberwiegend Feuerwehrleute und Angestellte des Kraftwerks, behandelt wurden. Ihre Kleidung, die hohe Strahlung ausgesetzt war, wird bis heute im Keller gelagert wodurch das GebĂ€ude zu einem der radioaktivsten Orte in der Stadt gehört. Auch heute noch sind medizinische GerĂ€te, Betten, Patientenunterlagen und andere EinrichtungsgegenstĂ€nde zu finden, da das Krankenhauses nach dem Verlassen der Stadt nicht weiter genutzt wurde. In unmittelbarer NĂ€he befindet sich die Mittelschule Nummer 1, die 2005 teilweise eingestĂŒrzt ist und sich daher nicht mehr fĂŒr einen Besuch eignet. Sie kann allerdings wunderbar von außen angesehen werden und ermöglicht aufgrund der eingebrochenen WĂ€nde einen Blick auf die Klassenzimmer.

    Neben dem Atomkraftwerk war die Fabrik „Jupiter“ Hauptarbeitgeber in Prypjat. Sie wurde 1980 eröffnet und beschĂ€ftigte ĂŒber 3500 Mitarbeiter, darunter auch viele Frauen. Gefertigt wurden hier Kassettenrekorder und Kleinteile fĂŒr HaushaltsgerĂ€te, aber auch Komponenten fĂŒr das MilitĂ€r. Heute finden sich noch Poster mit Sicherheitshinweisen an den WĂ€nden, leergerĂ€umte BĂŒros und die Fertigungshalle in der noch Maschinen stehen. 

    Je nach gebuchter Tour können auch Dörfer in der Umgebung besucht werden, wie das namensgebenden Tschernobyl sĂŒdlich des Kraftwerks. Da es, anders als Prypjat, weiter als 10 Kilometer vom UnglĂŒcksort entfernt liegt, ist der 1193 entstandene Ort auch weiterhin bewohnt. Die meisten Einwohner arbeiten am Atomkraftwerk und sind immer in zwei-Wochen-Schichten im Einsatz um die Strahlenbelastung so gering wie möglich zu halten. Neben ihnen leben innerhalb der Sperrzone auch Illegale, die nach der Evakuierung wieder gekehrt sind und vom Staat geduldet werden. Die meisten von ihnen wohnten schon frĂŒher in der Gegend und wollten trotz der Katastrophe in ihre Heimat zurĂŒck. Ein Highlight innerhalb der 30-Kilometer Sperrzone findet sich inmitten des Waldes. Um den Feind wĂ€hrend des Kalten Krieges zu verwirren, benannten die Sowjets geheime MilitĂ€reinrichtungen nach den nahliegenden StĂ€dten. So befindet sich sĂŒdlich von Prypjat Tschernobyl-2, wo Angehörige des MilitĂ€rs mit ihren Familien lebten. Neben einem Club, einem eigenen Krankenhaus und einer Schule befindet sich dort auch eine Radarstation. Diese wurde 1976 in Betrieb genommen und sollte feindliche Raketenangriffe frĂŒhzeitig erkennen. Besonders beeindruckend an dieser Station ist ihre GrĂ¶ĂŸe, da die Antennen bis zu 150 Meter hoch sind und auf einer LĂ€nge von 700 Metern aneinander stehen. 

    Die sowjetische Radarstation innerhalb der Sperrzone

    In Prypjat und den umliegenden Dörfern gibt es eine Vielzahl an spannenden SehenswĂŒrdigkeiten die es zu entdecken gilt. Jedes GebĂ€ude hat seine eigene Geschichte die hautnah erlebt werden kann. FĂŒr das typische Tschernobyl-GefĂŒhl darf ein GeigerzĂ€hler nicht fehlen, der vor Ort gemietet werden kann, falls man keinen eigenen dabei hat. Wer die Stadt lieber nur aus der Ferne entdecken will hat GlĂŒck, da es im Internet zahlreiche Videos dazu gibt und Google Teile von Prypjat in seine Street-View-Karte aufgenommen hat. Viele SehenswĂŒrdigkeiten werden auch tatsĂ€chlich als solche angezeigt und haben sogar Kommentare, die zu einem großen Teil jedoch sarkastisch gemeint sind.

    Durch die 2019 veröffentlichte Miniserie Chernobyl steigerte sich der Tourismus in Prypjat, so dass die Frage nach der Zukunft der Stadt mit großem Interesse verfolgt wird. Da sie ein Symbol fĂŒr die Folgen von Atomkraft ist und ein Mahnmal darstellt, gibt es BemĂŒhungen sie unter Denkmalschutz zu stellen oder sie in die Welterbeliste der UNESCO aufzunehmen. Ein kurzer Besuch in der Geisterstadt ist auf jeden Fall ein einzigartiges Erlebnis und nicht nur etwas fĂŒr Urban-Explorer. 

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